In diesem Eintrag soll das Thema Identität in Philip K. Dicks Werk anhand der Darstellung der Replikanten in Blade Runner behandelt werden.
Einige WissenschaftlerInnen sind der Ansicht, dass der Mensch schon immer das Verlangen hatte, sein Ebenbild zu erschaffen. Bereits die ersten Darstellungen von menschlichen Körpern in Form von Höhlenmalerei könnten dahingehend gedeutet werden. Was macht nun diese Idee so reizvoll? Ist es die religiös verortete Annahme, dass wir selbst, oder zumindest unsere frühesten Vorfahren, auch gemacht worden sind? Ist es die Überwindung von Gott, die letzte Hürde, die uns selbst gottgleich machen würde?
In Science Fiction-Filmen haben die künstlichen Menschen bereits Tradition, und viele verschiedene Namen: Cyborgs, Androiden, Replikanten, etc. In der Wissenschaft hat sich Cyborg als Bezeichnung durchgesetzt, jedoch gibt es einige sehr verschiedene Meinungen, was nun ein Cyborg sei bzw. ab wann man von Cyborgs sprechen kann.
Das Wort Cyborg ist ein Kunstwort, das sich aus cybernetic organism ableitet und eine Mischform aus Organismus und Maschine bezeichnet, was ihn z.B. sehr deutlich vom Androiden abhebt. Als Androiden werden generell Roboter bezeichnet, die zwar typisch menschliche Gestalt haben und typisch menschliche Bewegungsmuster ausführen, aber dennoch rein elektronisch/mechanisch sind.
Im Moment sind zwei Ansätze zum Begriff Cyborg vorherrschend:
1. Der Cyborg als eine Verbindung von Mensch und Maschine; wobei man noch danach differenzieren könnte, ob der technische Teil unter der Haut, also implantiert sein muss (z.B. ein Herzschrittmacher), oder ob z.B. ein eingestöpselter MP3-Player auch schon dazu qualifiziert, ein Cyborg zu sein.
2. Jede Extension des menschlichen Körpers ist ausreichend, um den Menschen zum Cyborg zu machen. Hiernach wäre der Mensch prinzipiell als Mängelwesen zu sehen, das unausweichlich mit Technologie verbunden sein muss, da für viele Aufgaben, die sich ihm im täglichen Leben auch schon zu Urzeiten stellten, bereits Werkzeuge, also Extensionen des Körpers, von Nöten waren.
Daher stellen sich einige WissenschaftlerInnen die Frage, ob jemals ein natürlicher menschlicher Körper vorhanden war. Barbara Orland dazu:
Mit Blick auf die Zeit seit dem 18. Jahrhundert gehen die AutorInnen vielmehr von der These aus, dass jede Epoche auf Basis verfügbarer Instrumente, disziplinärer Verschiebungen in der Erzeugung des Wissens und sozioökonomischer Bedingungen eigene Vorstellungen vom menschlichen Körper entwickelt hat, die jeweils wieder in neue Konfigurationen des Verhältnisses von Technik und Körper einmündeten. (Orland 2005: 13.)
Sehen wir uns die Ausgangssituation im Film Blade Runner an. Wir schreiben das Jahr 2019, der Schauplatz ist Los Angeles. Ein dritter (thermonuklearer) Weltkrieg sowie Kapitalismus und Konsumgesellschaft haben ihre Spuren hinterlassen. Die Erde wurde zur Müllkippe der Menschheit, wer Geld hat, ist schon längst in den off-world colonies. Nur die Armen und Menschen, die die medizinischen Tests nicht bestehen würden, sind noch auf der Erde. Für die nötige Drecksarbeit in den Kolonien wurden metaphysische Menschen geschaffen, deren Körper jedoch das exakte Abbild eines Menschen sind. Genannt werden diese künstlichen Menschen Replikanten, oder verächtlich Skin-Jobs. Diesen Replikanten ist die Rückkehr auf die Erde verboten, Missachtung wird mit dem Tod bestraft. Die Menschheit hat sich also eine Gesellschaft zweiter Klasse gezüchtet, der sie auch nur vier Jahre Lebenserwartung zugestanden hat. Um den Replikanten einen emotionalen Polster zu geben, werden ihnen Erinnerungen implantiert, oft symbolisiert durch Fotos. Eine Gruppe von Replikanten, angeführt von Roy Batty, hat die Rückkehr auf die Erde geschafft. Um sie aus dem Verkehr zu ziehen, im englischen Original heisst es to retire them, wird der ausgebrannte Blade Runner Rick Deckard aus dem Ruhestand zurück in den Polizeidienst geholt. Deckard nimmt seine Arbeit auf, während die Replikanten versuchen, in Kontakt mit ihrem Hersteller zu gelangen, um ihn um ein längeres Leben zu bitten.
Was nun an den Replikanten in Blade Runner interessant ist, ist ihre fast kindliche emotionale Vielseitigkeit und Neugierde. Während der vermeintlich echte Mensch Deckard seine Gefühle mit Alkohol betäubt, kosten die Replikanten jeden Moment aus. Susan Doll und Greg Faller beschrieben dies so: »[W]hile an over-mechanized society can create human-like machines, it can also create machine-like humans.« (Doll/Faller 1986: 89f.)
Im Film wird von den Polizeieinheiten ein spezieller Empathie-Test, genannt Voight-Kampff-Test, benutzt, um zwischen Replikanten und echten Menschen zu unterscheiden. In einer Schlüsselszene fragt Rachel, eine weibliche Replikantin in die Deckard verliebt ist, den Blade Runner Deckard, ob er diesen Test eigentlich schon jemals selbst gemacht habe. Deckard gibt keine Antwort darauf. In Blade Runner-Fankreisen und in der wissenschaftlichen Literatur zum Film ist es ein oft und heiß diskutiertes Thema, ob Deckard selbst ein Replikant ist. Der Film bietet einige Anhaltspunkte, die man als Hinweise darauf lesen könnte, aber nicht zwingend muss. Das größte Argument dagegen ist, dass Deckard weder körperlich den Replikanten gewachsen, noch emotional auf einer vergleichbaren Ebene angesiedelt ist. Im Gegenteil, Deckard und Roy Batty wirken den ganzen Film hindurch wie gespiegelte Versionen des jeweils anderen, oder genauer, wie eine Umkehrung des jeweils anderen:
The purpose of Deckard’s is death – the »retirement« of these replicants; the purpose of Batty’s is life – an extension of his and his companions’ cruelly in-built four-year lifespan. (Jolin 2007: 115)
In der Schlusssequenz des Films erscheinen Deckard und Roy Batty schließlich wie zwei nach langer Zeit endlich wieder vereinte Hälften derselben Seele, beide haben einander gebraucht, um zu erkennen, wie wertvoll das Leben ist. Deckard hat im Laufe des Films auch einen Lernprozess durchgemacht, er weiß, dass er nicht gewalttätige Maschinen, sondern Opfer des Systems gejagt und getötet hat. Genau darauf spielte auch sein Boss Bryant zu Beginn von Deckards Ermittlungen an: »You know the score pal. If you’re not cop, you’re little people.«
Blade Runner wirft viele moralische, oft auch religiös konnotierte Fragen auf. Dürfen wir Menschen, die technischen Möglichkeiten vorausgesetzt, unser Abbild herstellen und wenn ja, wie geht man menschlich damit um? Besteht nicht die Gefahr, dass wir die Abbilder als Menschen zweiter Klasse behandeln, selbst wenn sie uns biologisch zu 100 Prozent gleichen? Wenn diese exakte Deckungsgleichheit besteht, wie kann man Menschen von künstlichen Menschen unterscheiden? Wie geht man mit zwischenmenschlichen Bindungen zwischen echten und künstlichen Menschen um? Wie gehen die künstlichen Menschen mit ihrem Schicksal um, wie würden sie sich uns gegenüber verhalten? Wissen Sie selbst, dass sie künstlich hergestellt wurden?
Mögliche Antworten auf diese Fragen finden sich bereits in dem Film. Die Profitgier der Menschen hat alle Bedenken links liegen gelassen. More human than human ist der Leitsatz der Replikanten-Hersteller. Die Menschen projizieren ihren althergebrachten Rassismus auf die Replikanten, werden vorsorglich zu Killern, oder zumindest zu deren Auftraggebern, um nur ja nicht zu Opfern zu werden. Einige Replikanten wiederum lehnen sich auf, treten ihren Schöpfern gegenüber. So wie Roy Batty seinem Erbauer Tyrell: »It’s not an easy thing to meet your maker. [...] I want more life, father!«. Die Fahrt mit dem Aufzug zu Tyrells Penthouse, das hoch über dem Morast der restlichen Stadt thront, könnte als Battys Aufstieg in den Himmel, zu seinem Gott gedeutet werden, die Fahrt hinunter, zurück in die Schluchten der Stadt, nachdem er Tyrell getötet hat, als seine Ankunft in der Hölle, als Fall des verlorenen Sohnes. Das Gegensatzpaar Schöpfer/Schöpfung, also Tyrell/Roy Batty, ist aber auch eine Wiederkehr des Frankenstein-Mythos: Frankenstein und Tyrell sind beide Wissenschafter; beide leben zurückgezogen; sowohl das frankensteinsche Monster als auch die Replikaten sind aus der Gesellschaft ausgestoßen; beide realisieren, dass es für sie keine Integrationen, keinen Kompromiss geben wird; beide töten schlussendlich ihren Schöpfer. Beide Geschichten vermitteln uns, dass die Herstellung künstlicher Menschen ein wissenschaftliches Spiel mit dem Feuer ist.
Die Suche nach dem Schöpfer bzw. Gott ist generell ein immer wieder gern verwendeter thematischer Aufhänger im Science Fiction-Film, siehe Star Trek oder auch 2001: Odyssee im Weltall. Ian Nathan über die im Blade Runner-Script inkorporierten Fragen und Hintergründe:
The film teems with ideas. It is about ecological decay, about race, about sexual politics (notice that all female characters are replicants?), and about the corporatisation of America. It is also a grand parable of mankind’s ever-foiled mission to contend with it’s maker, to meet God and enquire politely why it is we have to die. What could be more human than Batty’s desperate need for more life? What more ambiguous than Deckard’s affinity with death? (Nathan 2007: 110)
Das einzigartige der künstlichen Menschen in Blade Runner ist also, dass sie, getreu dem Firmenmotto ihres Herstellers, auch wenn jenes Motto wohl eher die körperlichen Vorzüge betonen wollte, menschlicher als die menschlichen Charaktere wirken. Sie wollen leben, sie haben Fragen und wollen Antworten darauf, ergeben sich nicht dem Schicksal, sondern versuchen einzugreifen, sie lieben und sie leiden. Ein Indiz für ihre Menschlichkeit ist das immer wieder im Film auftauchende Imago des menschlichen Auges, sowie Glas oder Fenster. Besonders das Auge als Tor zur Seele soll vermitteln, dass eben auch die Replikanten eine Seele besitzen. Wenn man leise Kritik an Blade Runner anbringen will, dann vielleicht jene, dass der Film den künstlichen Menschen fast schon romantisiert.
Während andere Cyborg-Figuren wie z.B. der Terminator nur Gefühlsregungen darstellen, in dem sie lernen auf Menschen so zu reagieren, wie diese es erwarten, sind die Emotionen der Replikanten in Blade Runner echt, was sie zu einer einzigartigen Erscheinung im Science Fiction-Film macht.
Bei all diesen Anknüpfungsversuchen definiert sich der Begriff des Cyborgs nach wie vor als ein Mischwesen aus Mensch und Maschine. Die Replikanten in Blade Runner sind demnach also keine Cyborgs im wissenschaftlichen Sinne, sondern eigenständige, vollständig humane Lebewesen, die wohl mehr mit echten Menschen gemein haben als mit Cyborgs oder Androiden.
Welche Wichtigkeit dieser Differenz zwischen geboren und gemacht dann gegeben wird, falls die Wissenschaft jemals die technischen und finanziellen Möglichkeiten aufbringen und die moralischen Zweifel und Probleme entschärfen bzw. lösen kann, bleibt den von Gottes Hand erschaffenen Menschen überlassen. Die Antwort, die Blade Runner darauf gibt, kennen wir bereits.
Medien:
Philip K. Dick (1997): Do Androids dream of electric sheep?, Zürich: Haffmanns.
Susan Doll / Greg Faller (1986): »Blade Runner and Genre: Film Noir and Science Fiction«, in: Literature/Film Quarterly, 14. Jg./Heft 2, April 1986, S. 89-100.
Hampton Fancher (2000): Blade Runner – Specia WB edition – Screenplay by Hampton Fancher and David Peoples, Hamburg: Warner Home Video.
Dan Jolin (2007): »The prodigal son. Rutger Hauer on why Roy Batty is the real hero of Blade Runner«, in: Empire, August 2007, S. 114-115.
Ian Nathan (2007): »Empathy Test. Screenwriter David Peoples on the meaning of Blade Runner«, in: Empire, August 2007, S. 110.
Barbara Orland: (2005): »Wo hören Körper auf und fängt Technik an? Historische Anmerkungen zu posthumanistischen Problemen«, in: dies. (Hg.), Artifizielle Körper-Lebendige Technik. Technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive, Zürich, S. 9-42.
Ridley Scott (1992): Blade Runner, USA: Warner, VHS-Kaufvideo (Director’s Cut).
Anmerkung des Autors Martin Forster: Dieser Blog-Eintrag ist außerdem informiert durch die Seminararbeit More human than human?, von mir verfasst für das Forschungsseminar Künstliche Körper – Lebendige Technik, unter der Leitung von Dr. Andrea Seier (Sommersemester 2008, Universität Wien).