Im Zuge einer psychologisch informierten Lesart von We Can Remember It for You Wholesale stellt sich mittelfristig die Frage, ob Philip K. Dicks Idee der implantierten Erinnerung bloße Fantasie ist, oder ob wir tatsächlich auch in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft mit diesem Problem konfrontiert sind.
Das treibende Moment der Geschichte ist unleugbar das Motiv der manipulierten Erinnerung. Es werden dem Protagonisten zunächst durch den Geheimdienst Interplan falsche Erinnerungen implantiert. Danach möchte er sich selbst Erinnerungen an eine Marsreise ins Gedächtnis pflanzen lassen und als dadurch jene echten Erinnerungen an seine übertünchte Vergangenheit zurückkehren, veranlassen die Machthaber die erneute Löschung dieser vergessen geglaubten Informationen und überspielt sie abermals mit einer neuen Erinnerung an das, was in der Vergangenheit passiert sein soll. Aber ist all dies nur ein Phantasma Dicks, oder sind wir Dingen wie diesen auch in der Realität gegenübergestellt?
Zudem haben Kliniker und Therapeuten erkannt, dass der Abrufkontext die Rekonstruktion der Vergangenheit beeinflussen kann. Dass der Analytiker ein entscheidender Bestandteil des Abrufkontextes ist, der zur Festlegung – und eben nicht nur zur Aufdeckung – von Form und Inhalt der Erinnerung des Patienten beiträgt, erkannte Donald Spence im Zuge psychoanalytischer Beobachtungen. Die Worte und Wendungen, die der Psychoanalytiker bemüht, dienen nicht nur dazu, eine schlummernde Erinnerung zu wecken oder zu aktivieren, sondern können unter Umständen auch bestimmen, woran sich der Patient erinnert, und die subjektive Erinnerungserfahrung des Patienten beeinflussen. (Schacter 2001: 177)
Hinzu kommt, dass der Patient in der Psychoanalyse, aber auch hinsichtlich anderer Formen der intensiven Psychotherapie, bemüht ist, Erlebnisse wiederzuentdecken, die in der Regel der bewussten Erinnerung nicht zugänglich und also hochproblematisch zu identifizieren sind. (Schacter 2001: 177) Aber auch durch die komplexe Beziehung zwischen Therapeut und Patient, in der der Therapeut für den Patienten zur Autorität avanciert, kann eine mehr oder minder fiktive Übertragung eine Rolle spielen. Dies alles können Gründe dafür sein, warum der Patient zu der Überzeugung gelangt reale Erinnerungen aufgedeckt zu haben.
Dieselben Überlegungen gelten für die Hypnose. Die Hypnose ist ein sozialer Prozess, in dem die Befehle und Hinweisreize des Hypnotiseurs den Hypnotisierten durch eine eingebildete Rollenspielsituation dirigieren, so Schacter. (Schacter 2001: 178) Menschen, die auf Hypnose reagieren, neigen bei entsprechenden hypnotischen Befehlen zur Produktion von Gedächtnistäuschungen. Die Ansicht, dass der Hypnotisierte unter einer Art psychologischen Wahrheitsserum steht, das ihn dazu bringt, alle Geheimnisse, die in den tiefen Winkeln seines Unbewussten verborgen liegen preiszugeben, hält sich hartnäckig, obwohl kontrollierte Untersuchungen darauf schließen lassen, dass die Hypnose die Genauigkeit des Erinnerns keineswegs fördert, sondern einen Abrufkontext schafft, der die Bereitschaft des Hypnotisierten steigert, jedes psychische Erlebnis, welcher Art auch immer, als Erinnerung zu bezeichnen. Die Hypnose stärkt das subjektive Vertrauen eines Menschen in die Wahrhaftigkeit der produzierten Erinnerungen, ohne dass es zu einer entsprechenden Zunahme der Genauigkeit kommt.
Schacter weist außerdem auf diverse Experimente hin, deren Effekte veranschaulicht haben, dass Hypnotisierte dazu veranlasst werden können, sich an Ereignisse zu erinnern, die nie stattgefunden haben, sondern ihnen vom Hypnotiseur gänzlich suggeriert worden sind. (Schacter 2001: 180) Auch nachdem den Versuchspersonen mitgeteilt wurde, dass der Hypnotiseur die den Erinnerungshaushalt gezielt manipuliert hat, waren die meisten Probanden fest von der lebensnahen Natürlichkeit der gefälschten Erleb-nisse überzeugt.
Allein, neuere Untersuchungen über hypnosebasierte Pseudoerinnerungen haben gezeigt, dass diese auch dann bei hoch-hypnotisierbaren Menschen auftreten können, wenn gar keine direkte hypnotische Induzierung stattgefunden hat. Neue Forschungsarbeiten legen analog dazu auch den Schluss nahe, dass sich falsche Erinnerungen an relativ komplexe Erlebnisse auch ohne direkte hypnotische Induzierung provozieren lassen. (Schacter 2001: 182)
In Anbetracht dessen sind Philip K. Dicks implantierte Erinnerungen keine bloßen Fantasieerscheinungen mehr. Die zeitgenössische Psychologie zeigt klar, das Phänomene dergestalt durchaus auch realiter auftreten können. Doch was bedeutet es letztlich, wenn wir uns auf unser Gedächtnis nicht mehr verlassen können?
Wozu Fehler des Erinnerns führen können, sieht man z.E. häufig bei falschen Zeugenaussagen vor Gericht, die oft prekäre Fehlentscheidungen, die Beeinträchtigung Unschuldiger mit sich bringen können. Wozu die absolute Manipulierbarkeit des Gedächtnisses noch führen könnte, bleibt unserer Fantasie und Vorstellungskraft überlassen …
Medien:
Philip K. Dick (1972): »We Can Remember It for You Wholesale«, in: (ders.), The Preserving Machine and Other Stories, England: Pan Books.
Daniel L. Schacter (2001): Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit, Hamburg: Rowohlt: 2001.