In Philip K. Dicks Kurzgeschichte We Can Remember It for You Wholesale werden dem Protagonisten Douglas Quail falsche Erinnerungen eingepflanzt. Zuerst um ihn von den Erinnerungen an sein Leben als Auftragskiller am Mars zu entledigen und ein zweites Mal um seine wiedererlangte Erinnerung an seine Vergangenheit erneut zu tilgen. Durch diese Veränderungen seiner Erinnerungen entstehen neue Identitäten.
Im Folgenden wird versucht, diesen Sachverhalt aus psychologischer Perspektive zu beleuchten. Die Fragen, wie unser Gedächtnis funktioniert und inwieweit unsere Erinnerung unsere Identität bestimmt, sollen Grundlage der Reflexion sein.
In der Regel ist uns kaum bewusst, dass fast alles, was wir tun oder sagen, von der reibungslosen und raschen Arbeit unserer Gedächtnissysteme abhängt, abgesehen von den Augenblicken, in denen uns unser Gedächtnis im Stich lässt, oder jemand aus unserem näheren Umfeld einen Gedächtnisverlust erleidet, schreibt Daniel L. Schacter in seinem Buch Wir sind Erinnerung. (Schacter 2001: 16)
Um unseren Alltag meistern zu können und um selbst die banalsten Dinge zu erledigen, verrichten wir eine Vielzahl an Gedächtnisleistungen. Doch wie funktioniert unser Gedächtnis?
Noch vor zwanzig Jahren war es Mode, Gedächtnisinhalte mit Computerdateien zu vergleichen. Diese Dateien sind in einem Speicher abgelegt und bei Bedarf abrufbar. Heute jedoch sind sich Psychologen und Wissenschaftler bewusst, dass auch das subjektive Erleben des Erinnerns eine wichtige Rolle spielt.
Ein ebenfalls wichtiger Punkt den Schacter anspricht ist, dass man zu der Überzeugung gelangt ist, dass das Gedächtnis nicht eine einzige oder einheitliche Fähigkeit des Geistes ist, sondern, dass es sich aus einer Vielzahl verschiedener und gesondert zu betrachtender Prozesse und Systeme zusammensetzt. Jedes System beruht auf einer besonderen Konfiguration von Netzwerken im Gehirn und umfasst verschiedene neuronale Strukturen, die alle eine hochspezialisierte Rolle innerhalb des Systems spielen. (Schacter 2001: 21)
Dadurch entstehen verschiedene Gedächtnisarten, die es uns z.B. ermöglichen Informationen für kurze Zeit zu behalten, Fertigkeiten zu erlernen und Gewohnheiten zu erwerben, alltägliche Gegenstände zu erkennen, uns Informationen begrifflicher Art einzuprägen und uns an bestimmte Ereignisse zu erinnern etc. Ebenfalls stellt Schacter fest, dass Erinnerungen nicht an einer bestimmten Stelle des Gehirns gespeichert werden, dass sie aber auch nicht über das ganze Gehirn verteilt sind, sondern in verschiedenen Teilen des Gehirns verschiedene Aspekte eines Erlebnisses aufbewahrt und durch ein spezielles Gedächtnissystem miteinander verbunden werden. (Schacter 2001: 28)
Auch der Irrglaube, dass Erinnerungen passive oder wortwörtliche Aufzeichnungen der Wirklichkeit seien, kann durch den heutigen Wissensstand bereinigt werden. Inzwischen weiß man, dass wir keine wertfreien Schnappschüsse früherer Erlebnisse speichern, sondern auch die Bedeutungen, die Empfindungen und Gefühle aufbewahren, die uns die Erlebnisse vermittelt haben. So ist es auch kaum verwunderlich, dass wir die Erinnerung an Ereignisse, die gerade stattfinden, nicht von solchen trennen können, die früher passiert sind. Was uns in der Vergangenheit zugestoßen ist, entscheidet darüber, was wir aus dem Strom der täglichen Ereignisse herausgreifen und behalten. Erinnerungen halten demnach fest, wie wir Ereignisse erlebt haben, sind also keine bloßen Kopien derselben. (Schacter 2001: 22)
In Anbetracht dessen stellt sich nun die Frage inwieweit unsere Identität mit unserer Erinnerung zusammenhängt.
Schon in vorigen Blogeinträgen wurde der Begriff der Identität ausreichend definiert und deshalb sollen an diesem Punkt nicht zusätzliche, womöglich verkomplizierende Details nachgeliefert werden. Betrachtet man den Begriff Identität schlicht als jene Merkmale und Eigenheiten, die ein Individuum von einem anderen unterscheiden, so kann man das Gedächtnis und die persönlichen Erinnerungen nicht von der Identität eines Menschen trennen. Die Ereignisse, die uns zugestoßen sind und die Erfahrungen, die wir gemacht haben, und somit auch die Erinnerung an diese, prägen unsere Persönlichkeit und machen uns zu den Menschen, die wir sind. Wie schon oben erwähnt beeinflussen unsere Erinnerungen auch die Weise, in der wir Gegenwärtiges wahrnehmen und somit auch unser situatives Handeln und Reagieren. Auch unsere Einstellungen und Anschauungen werden unter anderem durch Erfahrungen geprägt. All diese Faktoren sind Teile der Identität.
Daniel L. Schacter meint dazu, dass das Gedächtnis die Grundlage von tiefverwurzelten Überzeugungen bildet, was die eigene Person anbelangt. Patienten mit schweren Kopfverletzungen, denen viele liebgewordene Erinnerungen fehlen, meinen durch diese auch ihr Ich-Gefühl verloren zu haben. (Schacter 2001: 24)
In We Can Remember It for You Wholesale erlebt der Protagonist gleich zweimal die Manipulation seiner Erinnerung. Somit hat er im Laufe der Geschichte drei verschiedene Identitäten.
Medien:
Philip K. Dick (1972): »We Can Remember It for You Wholesale«, in: (ders.), The Preserving Machine and Other Stories, England: Pan Books.
Daniel L. Schacter (2001): Wir sind Erinnerung. Gedächtnis und Persönlichkeit, Hamburg: Rowohlt: 2001.