Je näher man sich mit Philip K. Dicks Fiktion auseinandersetzt, desto mehr wird man feststellen, dass sich durch einen Großteil seines Oeuvres immer wieder zwei existenzialistische Fragen schlängeln. Hinter den oft etwas wirr erscheinenden Storylines seiner Romane, mit ihrem hin und her Pendeln zwischen verschiedenen Dimensionen, oder Wahrheiten, wie er es wohl selbst genannt hätte, liegen oft philosophische Ideen, die er spielerisch mit den Charakteren und ihren Handlungen austestet. Während seine Werke zwar in zukünftigen Welten spielen, ob in Utopien oder Dystopien sei dahingestellt, sind sie doch immer Geschichten, die ihre Wurzeln in der Gegenwart haben: in seinem Leben, in der Gesellschaft in der er lebte, in der Welt in der er sich bewegte.
Was sind nun also diese Fragen, die in Dicks Geschichten immer wiederkehren? Man könnte die Frage auch so stellen: Welche sind die großen existenzialistischen Fragen, die wir uns selber immer wieder stellen?
1. Was macht uns zu Menschen?
There is amongst us something that is bi-pedal humanoid, morphologically identical to the human being but which is not human. It is not human to complain, as one SS man did in his diary, that starving children are keeping you awake. And there, in the 40s, was born my idea that within our species is a bifurcation, a dichotomy between the truly human an that which mimics the truly human. (Morrison 1990: 3)
2. Was ist real und wie können wir uns unserer Realität sicher sein?
We live in a society in which spurious realities are manufactured by the media, by governments, by big corporations, [...]. I ask, ›What is real?‹ Because increasingly we are bombarded by pseudo-realities manufactured by very sophisticated people using very sophisticated mechanisms. (Smith 2007: 123)
Das Werk von Philip K. Dick ist somit nicht nur voll von Pseudo-Realitäten und verschobenen Wahrnehmungen, sondern auch von Pseudo-Identitäten.
Dicks Charaktere sind somit keine klassischen Helden, obwohl die verschiedenen Hollywood-Verfilmungen seiner Geschichten dies vermuten lassen, sondern viel mehr Anti-Helden, die den Überblick verlieren, die glauben verrückt zu sein bzw. zu werden. Von einer Sekunde auf die andere wird ihre komplette Lebenswahrheit als Lüge, als Implantat, als Fälschung, enttarnt und wir werden Zeuge ihrer Reaktionen. Oft genug tragen seine Anti-Helden biographische Züge, man kann Dick bei der Suche nach seiner eigenen Identität beiwohnen, wie z.B. in der Valis-Trilogie oder auch in Radio Free Albemuth.
Das Gedächtnis und seine Funktionen beschäftigen Philip K. Dick in seinen Fiktionen auf mehreren Ebenen: im Bewusstsein, im Unterbewusstsein, und sogar nach dem Tod. So können in Ubik Menschen Kontakt zu Verstorbenen herstellen, deren Gehirn in einer medizinischen Einrichtung in der Schweiz gelagert ist.
Erinnerungen werden zur Grundlage von Identität, gehen diese Erinnerungen verloren oder werden sie gelöscht, stehen Dicks Charaktere vor dem Rätsel ihrer eigenen Existenz. Besonders in Do Androids Dream of Electric Sheep?, der Romanvorlage zum Film Blade Runner, wird dies deutlich: die Menschheit hat sich also eine Gesellschaft zweiter Klasse gezüchtet, der sie nur vier Jahre Lebenserwartung zugesteht. Um diesen Replikanten einen emotionalen Polster zu geben, werden ihnen Erinnerungen implantiert. Erinnerungen an ein Leben, dass sie nie hatten, Erinnerungen die anderen Menschen ›gehören‹. Notwendig ist dies, da sie sonst aufgrund der fehlenden Lebenserfahrung emotional einer Überstimulation zum Opfer fallen würden. Trotzdem entwickeln die Replikanten Gefühle und hegen und pflegen Ihre Vergangenheit, in Blade Runner oft symbolisiert durch Fotos.
Ein wieder anderer Fall für die Infragestellung der eigenen Identität passiert in Minority Report. Hier sind es nicht verlorene Erinnerungen oder Implantationen, die das Gefüge der Existenz durcheinanderbringen, sondern von sogenannten Pre-Cogs vorhergesehene Ereignisse. Durch die Vorhersage der Zukunft einzelner Personen wird ihr bisheriges Leben und Tun in Frage gestellt.
Nicht zuletzt zeigt Philip K. Dick in einer Vielzahl seiner Werke auf, dass man unsere eigene Existenz, unsere Lebensrealität, ständig hinterfragen kann und muss. Gerade im Zeitalter der elektronischen Medien, das die Produktionen von Medien-Realitäten auf eine bisher unerreichte Ebene treibt.
Medien:
Philip K. Dick (1997): Do Androids dream of electric sheep?, Zürich: Haffmanns.
Philip K. Dick (2008): Radio Free Albemuth, London: HarperCollins.
Philip K. Dick (2004): The Simulacra, London.
Philip K. Dick (2003): Ubik, München: Heyne.
Philip K. Dick (2002): Valis, München: Heyne.
Philip K. Dick (1972): »We Can Remember It for You Wholesale«, In: The Preserving Machine and Other Stories, England: Pan Books.
K. W. Jeter (1997): Blade Runner II, Zürich: Haffmanns.
Dan Jolin (2007): »The prodigal son. Rutger Hauer on why Roy Batty is the real hero of Blade Runner«, in: Empire, August 2007, S. 114-115.
Bruno Latour (2006): »Technik ist stabilisierte Gesellschaft«, in: A. Bellinger/D. Krieger (Hg.), ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie, Bielefeld 2006, S. 369-397.
Hans Jörg Marsilius (1996): »Zwischen Realität und Illusion«, in: Film-Dienst, 49. Jg/Heft 16, Juli 1996, S. 4-7.
Marshall McLuhan (1968): »Das Medium ist die Botschaft«, in: ders., Die magischen Kanäle, Düsseldorf/Wien 1968, S. 13-28.
Rachela Morrison (1990): »The Blakean Dialectics of Blade Runner«, in: Literature/Film Quarterly, Jg. 18/Heft 1, Jänner 1990, S. 2-10.
Ian Nathan (2007): »Empathy Test. Screenwriter David Peoples on the meaning of Blade Runner«, in: Empire, August 2007, S. 110.
James Pontolillo (2008) : »Thresholds of Splendor: Mythic and Symbolic Subtexts in Blade Runner«, auf: 2019: Off-World (Blade Runner Page), http://scribble.com/uwi/br/jp_essay.html, am: 10.08.2008.
Peter Ruppet (1989): »Blade Runner – The utopian dialectics of the science fiction films«, in: Cineaste, 12. Jg./Heft 2, Februar 1989, S. 8-13.
Ridley Scott (1982): Blade Runner, USA: Warner.
Adam Smith (2007): »The Unreality Show: What the movies made of Philip K. Dick«, in: Empire, August 2007, S. 123.
Steven Spielberg (2002): Minority Report, USA: 20th Century Fox.
Jakob Tanner (2005): »Leib-Arte-Fakt. Künstliche Körper und der technische Zugriff auf das Leben«, in: Barbara Orland (Hg.), Artifizielle Körper-Lebendige Technik. Technische Modellierungen des Körpers in historischer Perspektive, Zürich 2005, S. 43-61.
Eva-Maria Trischak (2002): Gender und Technik im Cyborg-Film. The Terminator, Terminator 2, Blade Runner und I.K.U, Wien: Dipl.-Arb., 2002.
Paul Verhoeven (1990): Total Recall, USA: TriStar.