Demarkationsstellungen
»›Du bist betrunken.‹ Ihre Lippen verzogen sich verächtlich. ›Oder Schlimmeres.‹« (Dick 1966: 594) Dass Kirsten Quail in diesen lakonischen Halbsätzen ihrem exaltiert-schizoiden Ehemann unverblümt wissen lässt, wie wenig sie mit der koketten Paranoia desselben zu tun haben will, ist uns freilich klar. Und dennoch machen wir folgenden Vorschlag: Nehmen wir an, Quails enervierte Gattin adressiere hier weniger unseren duldenden Helden, als viel mehr uns selbst, uns in unserer Rolle als Leser, in unserer Rolle als Rezipienten, nehmen wir an, sie habe längst durchschaut, dass wir den transparent machenden Blick des Analytikers über weite Strecken schon missen, dass wir uns stoßen an allen Ecken und Kanten dieser doch augenscheinlich so abgerundeten Geschichte: Trunkenheit nämlich bildet eine exquisite Metapher für das unweigerliche Scheitern einer seriösen, akzentuierter sagen wir vielleicht: wasserdichten Lektüre dieses merkwürdigen Exempels zeitgenössischer amerikanischer Prosa. Will sagen: All jener Praxis, derer der gemeine Leser gerade deshalb zu frönen nicht müde wird, da sie ihm die Bürde der Sinn-Suche im literarischen Werk am Ende abzunehmen anbietet, namentlich »Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen« (Foucault 1970: 10f), scheinen sich die paar mit We Can Remember It for You Wholesale übertitelten Seiten zu versperren. Und zwar erst bei näherem Hinsehen. Natürlich: Nichts liegt näher, als Dicks Groteske schlechterdings als »a well-written, interesting joke, but still just [as] a joke« (Handlen 2005) abzutun – doch würde das gewiss über die massiven Turbulenzen hinwegtäuschen, die dem Leser der Versuch einer adäquaten Klassierung, eines strategischen Umgangs mit diesem Text bereithält. Foucaults skizzierte Mechanismen der Sinnbestimmung, der Satisfaktion hermeneutischer Bedürfnisse, das buchstäbliche Einfangen, das Bändigen des »Text-Sinnes«, die neurotische Rückbindung diverser »Bedeutungsschichten«, »sinnstiftender« Einheiten, »wesenhafter« Kontexte auf vermeintlich schicksalhafte, gleichsam ewige Prinzipien (Autor, Genre, Epoche …), schlittern möglicherweise just dann in eine Krise, wenn ebendiese Prinzipien an sich bereits fragwürdig sind. (– Fragwürdig sind sie immer, doch nicht jeder Leser ist ein Poststrukturalist …). So drängt sich beispielsweise eine dieser Fragwürdigkeiten gewiss in den Raum, sobald man bestrebt ist, Dicks Erzählung einer klar fassbaren, gesellschaftlich als distinkt wahrgenommenen literarischen »Epoche« zuzuordnen – ist Quails Schicksal nun modern, oder postmodern? Modernistisch? Oder vollends im Abseits? Dicks Geschichte, so viel sei an diesem Punkt bereits verraten, steht Problemen dergestalt weitgehend indifferent gegenüber: Es werden zugleich alle und keine epochalen Klischees bedient. Dick ist überall. Worauf das hinausläuft? Naturgemäß auf eine höchst instabile Position des Textes innerhalb althergebrachter Organisationsmaschinerien: Es ist sowohl ein Leichtes, Dick als spätmodernen Kritiker einer expandierenden Politik der sukzessiven Entmenschlichung vorzustellen, als auch ihn bereits außerhalb moderner Denkstrukturen zu situieren, mithin als einen Schriftsteller, der die »[p]ostmoderne [...] Auffassung von einem multiplen-proteushaften Selbst favorisiert« (Lützeler 1998: 908). Diese Hybridität in Sachen Klassifikation weist auf einen bezeichnenden wie dubiosen Demarkationscharakter dieser Literatur hin, auf ein heimatloses Changieren im Grenzland zwischen einander fremden diskursiven Formationen, gedanklichen Satzungen, politischen Attitüden: endlich auf eine Trunkenheit, eine Trunkenheit des Textes und des ihn hofierenden Ordnungspersonals, der ihn im Orbit umwirkenden Systematisierungsbestrebungen. Allein, ob dieser sanfte Rausch der Indifferenz nicht letztlich doch nichts weiter ist als eine irrige Tarnmaske vor den schroffen Konturen reaktionärer Gestik, wird noch zu hinterfragen sein.
Die Einschließungs-Kontroll-Gesellschaft
Evident wird die idiosynkratische Trübheit, die wir der Kurzgeschichte zu unterstellen uns anschicken, erstmals in Anbetracht der gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen innerhalb derer Philip K. Dick die zerebrale Irrfahrt seines Protagonisten ansiedelt: Diese nämlich entstammen zweifellos jener Verschwommenheit, jener chimärenartigen Indefinibilität, welcher auch der fragwürdige Rest dieser dystopischen Welt konstant seinen Tribut zollt. Wir haben es zu tun mit eminent widersprüchlichen Mechanismen der Exekution behördlicher Gewalt: Auf der Suche nach einer konkreten Formel, die soziopolitische Situation Quails präzis zu umreißen, stößt man mittelfristig und unweigerlich auf die hochparadoxe Figur des freien Gefangenen. Es liegt nahe, Franz Kafka die Ehre zukommen zu lassen, als der erste politische Beobachter im noch jungen 20. Jahrhundert ebendieses vermeintlich atypische Phänomen durchdekliniert zu haben: Wir können umstandslos uns ein Szenario vorstellen, da der Geheimdienst Interplan, den zu sanktionierenden Douglas Quail nach aufreibender Debatte mit den Worten befriedet: »[V]ielleicht entspricht Ihnen die Verschleppung besser«, die Verschleppung nämlich »besteht darin, daß der Proceß dauernd im niedrigsten Proceßstadium erhalten wird«, d.i., »[d]er Proceß hört zwar nicht auf, aber der Angeklagte ist vor einer Verurteilung fast ebenso gesichert, wie wenn er frei wäre«, was natürlich impliziert, »daß hier der Angeklagte niemals frei ist«. (Kafka 1925: 146f) Der virtuose Monolog des Malers Titorelli weist latent und dennoch akkurat auf das 40 Jahre später festgeschriebene Fatum Doug Quails hin: Freilich, Quail hat im Gegensatz zu Josef K. mit keiner genuin juridischen Repression zu kämpfen – doch Kategorien dieser Art sind relativ; beide Charaktere unterliegen behördlichen Vollzugsmechanismen, beide durchleben einen mehr oder minder stringenten Prozess der Entsubjektivierung, beiden kommt eine trennscharfe Distinktion zwischen Lebenswahrheit und (psychotischer) Imagination zunehmend abhanden – und endlich entsprechen sich beide Charaktere im Dilemma ihrer freien Gefangenschaft. Demnach kommt es nicht von ungefähr, wenn Gilles Deleuze gerade in dem Moment an Kafka erinnert, wo er die Krise der foucaultschen Einschließungssysteme reflektiert. Foucault habe eine schlüssige Ausformulierung der Vielzahl rahmender Milieus geliefert, die der okzidentale Bürger des 18., des 19. wie auch des frühen 20. Jahrhunderts im Laufe seiner Lebensentwicklung zu durchlaufen hatte (Familie, Schule, Militärdienst, Fabrik etc.). Repräsentativ für die Gesamtheit dieser edukativen Kontexte ist die Absenz flexibler Permiabilität respektive einer heteromorphen Dynamik – d.i. sie sind allesamt geprägt von einer starren und strikt exekutierten Geschlossenheit; Entwicklung verkommt mithin zum bloßen Übertritt von einem Einschließungs-Milieu ins nächste. Nun geht Deleuze jedoch davon aus, dass als Konsequenz der beiden Weltkriege dieser sicher geglaubte (Ein-)Grenzcharakter der diversen Institutionen zunehmend sich mit einer Rechtfertigungsnot herumzuschlagen habe, einer Not, die bis heute Wirkung zeige und auf Dauer eine neue Gesellschaftsformation provoziere: »Wir befinden uns in einer allgemeinen Krise aller Einschließungsmilieus [...] Es handelt sich nur noch darum, ihre Agonie zu verwalten und die Leute zu beschäftigen, bis die neuen Kräfte, die schon an die Türe klopfen, ihren Platz eingenommen haben« (Deleuze 1990: 255). Die Ursachen dafür liegen auf der Hand: Die Tücken der Spätmoderne wuchsen über das traditionell-autoritäre Bändigungskalkül hinaus; eine Fülle gewaltiger historischer Transformationen – allen voran die Modifikation der klassischen Fabriks- in anpassungsfähige Unternehmensstrukturen (Deleuze 1990: 257) – bedurfte einer flexibleren Kybernetisierungsstrategie: Die Einschließung begann der Kontrolle zu weichen.
Hatte das Gefängnis noch als wirkungsmächtigste Analogie im Zeitalter der rahmenden Einschließung gegolten, so weicht dieses imago zunehmend – und natürlich vor dem pressierenden Hintergrund überfüllter Haftanstalten – Ideen der rahmensprengenden Überwachung: Wir denken beispielsweise an elektronische Fußfesseln oder Halsbänder – oder eben, wie im Falle Quails, an einen »telepathische[n] Transmitter; kraft eines lebenden Plasmas, das auf Luna entdeckt worden war.« (Dick 1966: 599) Die heterogene Beschaffenheit nachmoderner Realität bedingt im Sinne Deleuzes á la longue eine radikale Reform der Rahmen-Organisation; die diversen Einschließungsmilieus lösen sich nicht mehr sukzessive einander ab, sondern gehen vollends in der Fassungskraft einer einzigen Matrize auf: »[D]ie Kontrollen [...] sind eine Modulation, sie gleichen einer sich selbst verformenden Gußform, die sich von einem Moment zum anderen verändert, oder einem Sieb, dessen Maschen von einem Punkt zum anderen variieren.« (Deleuze 1990: 256) Was also bleibt, ist lediglich ein singulärer elastischer Rahmen, den man unter Umständen gar mit der Wirklichkeit als solcher verwechseln könnte; seine Vielschichtigkeit letztlich ist es, welche die zentralistisch organisierten Überwachungpraktiken ihren Posten räumen lässt. Der postmoderne Soziologie Zygmunt Bauman gedachte zehn Jahre später gewiss Deleuzes, als er Foucaults Reflexion über das Panopticon in eine post-panoptische Ära (Bauman 2000: 18) weiterzuentwickeln suchte; der Orientierung binnen einer überbordend-pleomorphen gesellschaftlichen Realität erweist sich ein zirkuläres Überwachungsdispositiv schließlich als wenig zweckdienlich – mobile Kontrollmechanismen und flexible Interventionen dagegen ermöglichen einen effektiven Umgang mit der wachsenden Zerstreuung.
Es bedarf keiner langwierigen Analyse, um zu verstehen, dass Deleuze hier ebenfalls von einer Demarkationssituation spricht; von einem Übergang, von einer Ablöse. Die westliche Hemisphäre unterliegt gegenwärtig regulierenden Verfahren und Gewalten, die sowohl Überwachungs-, als auch Kontrollspezifika aufweisen – wobei ein klarer Trend hin zu Letzteren auszumachen ist. Den Konnex zu Dick an diesem Punkt wiederum herzustellen, ist so simpel denn doch nicht: Ein erster flüchtiger Blick würde Quails Situation naturgemäß als die einer hochintensiven universalen Kontrolle vorschlagen – allerdings entgeht dieser Perspektive das Wesentliche: Quail nämlich, so wollen wir lakonisch behaupten, trägt sein ureigenes Einschließungsmilieu stets und notgedrungen mit sich herum. Die (putative) Termination seiner ursprünglichen Identität erweist sich als erste und oberste Bedingung seiner »Freiheit« – die zusätzliche Kontrolle durch den Kephalotransmitter (Dick 1966: 600) wirkt auf dieser Basis weit eher als zynischer Kommentar, als groteske Überladung der psychotechnischen Manipulation (Horkheimer/Adorno 1947: 187). Die Überfärbung der eigentlichen Person, des authentischen Subjekts, mit künstlichen Inhalten erweist sich schließlich als ultimative Einschließung – als Einschließung im Gewande der Kontrolle, im Gewande der Gewährleistung freier Bewegung. (Überdies verkehrt sich die Kontrolle durch ihre Allgegenwart wieder zum Panoptismus). Dennoch ist die dicksche Überwachung nicht kongruent mit jener aus Surveiller et punir – zumal Quail über keinerlei faktische Optionen verfügt, von einer Rahmung in die nächste zu wechseln. Weit eher zeichnen sich die von Dick skizzierten Vollstreckungssysteme durch eine merkwürdige Starrheit und Eindimensionalität aus. Diese Starrheit nun unterscheidet Interplans Internierungspraktiken auf einer abstrakteren Ebene außerdem von unserer momentanen realpolitischen Lage, der Deleuze den besagten Metamorphosencharakter attestiert: Das dubiose Arrangement aus basaler Einschließung und übergestülpter Kontrolle, innerhalb dessen sich Quail abzumühen hat, ist vom Durchlaufen einer Entwicklung weit entfernt – vielmehr wirkt es verkrustet und tendenzlos; in der Tat als ein solipsistischer Demarkations-zustand.
Prekäre Subjektivität
Die (scheinbar) tendenzlose Unentschiedenheit beschränkt sich dabei allerdings keineswegs auf die dystopische Regulierungspolitik Interplans: Ebendiese gilt uns lediglich als ein erster Hinweis für die Gesamtverfasstheit einerseits der fiktiven Welt, andererseits dieser Literatur als solcher – begreifen wir jene nämlich als amalgamiert-sklerotische Einschließungs-Kontroll-Gesellschaft, mithin als stagnierte Grenzformation zwischen spät- und nachmodernen Kontexten, so erinnert diese ebenfalls an den verlorenen Posten zwischen Kritischer Theorie und Poststrukturalismus, der so manchem ambitionierten Romanprojekt des letzten Jahrhunderts als durchaus vorteilhaft zugeschrieben wurde. Darum weist etwa Peter Zima, einer der wenigen Literaturwissenschafter deutschsprachiger Provenienz, welche die französische Humanismuskritik ernst zu nehmen versuchen, sie in umfassenden Darstellungen einer Analyse unterziehen, darauf hin, dass Anthony Burgess mit A Clockwerk Orange im Jahr 1962 eine Negativutopie vorgelegt habe, die »als ein Übergangstext zwischen der kritischen und selbstkritischen Subjektivität des Modernismus einerseits und der Subjektskepsis der Postmoderne andererseits gelesen werden« kann. (Zima 2000: 183) Geschuldet sei diese Ambivalenz nun zuvörderst der binären Struktur des Romans: Burgess zerlegt seine Reflexion über moderne Identitätsarbeit in zwei Teilbereiche, wobei im ersten die anti-bourgeoise Rebellion einer anarchischen Peer Group, im zweiten wiederum die psychotechnische Entsubjektivierung des vormaligen Anführers ebendieses Kollektivs dargelegt wird. Dass zwischen diesen sich diametral entgegen liegenden Polen eine philosophische Spannungsrelation sich entspinnt, darf nicht verwundern: Burgess nämlich kontrastiert gekonnt die modernistische Katastrophe, das stete Abhandenkommen des autonom geglaubten Subjekts, den Kampf gegen die totalitären Mächte einer verwalteten Welt (Adorno 1966: 355), mit dem postmodernen Abandonnement einer als utopisch abgekanzelten individuellen Subjektivität – eine Konstellation von solcher Rigidität, dass Zima sich bemüßigt fühlt, den Roman als Proklamation der nunmehr finiten literarischen Moderne, darüberhinaus jedoch als Prognose vorzustellen, die »zugleich den Anfang einer Ära an[kündigt], die sowohl am Subjekt als auch am Subjektbegriff verzweifelt.« (Zima 2000: 193) Auf plakative Etiketten herunter gebrochen, bedeutet das nichts anderes, als dass A Clockwork Orange sowohl sich an einer kritisch-theoretischen Suche nach einem Jenseits der gesellschaftlichen Zwänge beteilige, als auch weite »Teile von Foucaults Philosophie vorwegnimmt«. (Zima 2000: 183)
Der aufmerksame Leser wird an diesem Punkt bereits den Zerfall unserer fundamentalen Hypothese uns vorrechnen zu können sich in der Lage wähnen: Auf der Ebene der figuralen Subjektivität mag jene vielbeschworene Ambiguität, jene polygene Grenzstellung zwischen Kampf und Regression für Burgess zwar zweifellos zutreffen – doch nimmt sich das Identitätsproblem bei Philip K. Dick nicht ausnahmsweise schlicht als monophyletisch aus? Beschreibt es nicht, ganz entgegen den bisherigen Darlegungen, eine offensichtliche Tendenz hin zur schieren Subjektlosigkeit? Wie soll eine Engführung von A Clockwork Orange und We Can Remember It for You Wholesale fruchtbar zu bewerkstelligen sein, wenn Letzteres ganz auf die autoritäre Subversion sich beschränkt und also den Zerfall des Einzelsubjekts gar nicht erst als katastrophal wahrzunehmen sich gezwungen sieht? Diesen Vorwurf konkret zu untermauern ist ein Leichtes; immerhin nimmt Quail lieber eine zweite entfremdende, de-subjektivierende Rekonfiguration seines Gedächtnisses in kauf, als im modernistischen Kampf um jenseitige Authentizität unterzugehen. (Dick 1966: 605) Weniger als beim deleuzianoiden behördlichen Apparat, scheint Dick also auf der Ebene des Einzelmenschen eine konkrete Richtung einzuschlagen – und zwar hin zur fundamentalistischen Postmoderne: Denn »[d]ie Protagonisten vieler als postmodern bezeichneter Romane können nicht mehr nach einem Jenseits der bestehenden Verhältnisse fragen, weil sie [...] von psychischen oder materiellen Faktoren restlos determiniert werden.« (Zima 2000: 190)
Bevor dieses Problem näher analysiert wird, sei noch gerechterweise angemerkt, dass Peter Zima einerseits mit einem exponiert literaturzentrierten, andererseits mit einem extrem foucaultlastigen (und zwar vornehmlich in Hinblick auf den jungen Foucault) Postmodernebegriff operiert – dass aber Michel Foucault das Subjekt lange Zeit übergangen hat und Autoren wie Robbe-Grillet oder Pynchon sowohl den extratensiven, wie auch den immanent-psychischen Determinismus ihrer Protagonisten exaggerieren mag zwar der Wahrheit entsprechen, obgleich das freilich nicht bedeutet, dass eine postmoderne Vernunft grundsätzlich antisubjektivisch sich zu gebärden habe. Vielmehr zeigt sich die diesbezügliche Reflexion bemüht, das Subjekt in seiner multivariaten Bedingtheit zu denken – nicht geht es um den oft verkündeten Tod des Subjekts, sondern um eine elementare Wandlung des Subjektivitätsbegriffes, welcher »der modernen und postmodernen Pluralisierung und Diversifizierung der Rationalitätstypen« Rechnung trägt (Welsch 1990: 316), welcher die »›normale‹ Situation des postmodernen Menschen in einer Welt, in der die Intensivierung der Kommunikation [...] den Weg öffnet zu einer wirklichen Erfahrung von Individualität als Vielfalt«, anerkennt. (Vattimo 1985: 62) Es geht also trotz aller Bedingtheit um eine Subjektivität, »die nicht vielheitsscheu, sondern vielheitsfähig ist« (Welsch 1990: 317) – wobei die (im weiten Sinne des Begriffs) als postmodern bezeichneten Denker naturgemäß großen Wert auf die präzise Analyse ebenjener Bedingtheit legten und immer noch legen: Konzernwirtschaft, Bürokratisierung in Tandem mit staatlichem Interventionismus, Systemzwang und Entfremdung, Flexibilisierung, Wertkrisen, Ideologisierung, Mediatisierung, De-Paternellisierung, Vereinsamung und Vereinzelung, Einflussnahme des Unbewussten etc. (Zima 2000: 89) – diese und außerdem eine Vielzahl weiterer Phänomene der systematischen Entmachtung monadischer Subjektivität in ihrer Wirkungsweise und Konsequenz zu verstehen, bildet zweifellos einen neuralgischen Brennpunkt postmoderner Rationalität – wobei diesbezüglich zwischen adäquater Analyse und einer gedankenverlorenen Verabsolutierung strikt zu differenzieren ist.
Gehen wir nun jedoch – im Anschluss an Zima – von einem solchermaßen vulgärstrukturalistischen Absolutismus aus, um die bedenkliche Radikalisierung antihumanistischer Individualität bei Philip K. Dick zu beleuchten, so drängt es sich freilich auf, Quail als originär-postmodernes Anti-Subjekt zu bezeichnen. Doch stellt uns dieses Verdikt umgehend vor folgendes Problem: So wir nämlich annehmen, dass das postmoderne Subjekt sich, wie besehen, als von einem gleichermaßen komplexen wie vielförmigen Pluralismus einflussnehmender Machtfaktoren beeinträchtigt ausnimmt, wird man bei Dick vergeblich nach einer Interventionsmaschinerie von ebenbürtiger Polyperspektivität suchen: Doug Quails Desubjektivierung ist allein von einem einzigen totalitären Paradigma zu verantworten – namentlich der lobotomischen Infiltration. Exakt in diesem Umstand nun verorten wir das gewaltige, das reaktionäre Skandalon dieses Textes: Eine literarische Kritik, die jedes Antisubjekt kurzerhand als postmodern bezeichnet, erweist sich mittelfristig als depraviert; indem es Dick ausschließlich über den psychotechnischen Umweg gelingt, die Autonomie seines Protagonisten zu entwerten, entledigt er sich jeder seriösen Possibilität, den modernistischen Diskurs auf angemessene Weise weiterzuentwickeln. Hinter der Fassade totaler Heteronomie erwartet uns die überholte Fratze des cartesianischen Subjekts: Dicks fatales Theorem, personale Identität und individuelles Gedächtnis als äquivalent zu analogisieren, öffnet der längst überkommenen »Postulierung eines autonomen Menschensubjekts, das heißt, d[er] Behauptung, dass jeder Mensch in sich eine Abgeschlossenheit darstellt an Geist, Seele, Bewusstsein, Begierden und Körper«, die zwingend in individueller Isolation zu resultieren hat, die Pforten. (Kuhn 2005: 37) Der offenkundige Mangel an pluralen Repressionmotoren drängt den Schluss auf, Quail sei in seiner eigentlichen, prä-deformierten psychischen Gestalt in der Tat ein transzendentes Subjekt im Sinne Descartes’ oder Kants gewesen – erst und ausschließlich dem technopolitischen Zwang gelang es, dessen Entthronung zu forcieren. Hinter aller vulgärstrukturalistisch-postmodern-modernistischen Camouflage verbirgt sich die unzulässige, die unzeitgemäße, ja die un-vernünftige Hoffnung auf absolute Selbstbestimmung: Herrschaft über das Gedächtnis bedeutet Beherrschung des Selbst – und kein Wort mehr.
Dass so mancher Dick-Apologet nun gerade mit dem derridaschen Einwand Vergessen wir nicht die Psychoanalyse! wohl anzumelden sich gezwungen sieht, ist nur bedingt verständlich: Mag freudsche Tiefe für Dick in der Regel zutreffen, so konterkariert sich dieser Tiefgang in diesem unserem Fall – ob gewollt oder ungewollt sei dahingestellt – selbst: Wer die Erinnerung als einzig legitimes Konstitutivelement des Individuums vorstellt, der kennt kein Unbewusstes; die Absolutsetzung der Erinnerung kompromittiert mithin auch die freudsche Diskursivität.
In Kontrast zu Burgess und A Clockwork Orange können wir demnach zwar kein Spannungsverhältnis zwischen Spät- und Postmoderne konstatieren, wie Peter Zima das mehr oder minder einleuchtend vorexerziert – unserem Diktum der Demarkation brauchen wir deshalb aber trotzdem nicht zu entsagen: Adorno und Lyotard haben zumindest gemeinsam, dass beide Subjekt als »ein zweideutiges Wort [verstehen], das sowohl Zugrundeliegendes (hypokeímenon, subiectum) als auch Unterworfenes (subiectus = untergeben) bedeutet« (Zima 2000: 3), die Demarkation, die Dick wiederum skizziert, gleicht hingegen einem tiefen, einem absurden Bruch: Bemäntelt vom dichten Nebel der pseudopostmodernen Heteronomie versteckt sich der humanistische Traum anthropozentrischer Unantastbarkeit: Nichts ist hier postmodern, nichts ist modernistisch; keine Sensibilität zeigt Dick für die Pluralisierung und Diversifizierung der Rationalitätstypen – der einzige Rationalitätstyp, den er billigt, ist das Gedächtnis; hinter dem Zwang leuchtet die unantastbare Einheit des Menschen – leuchtet die große Erzählung, leuchtet die métarécit.
Medien:
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Zygmunt Bauman (2000): Flüchtige Moderne, übers. v. Reinhard Kreissl, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 2003.
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Gilles Deleuze (1990): »Postskriptum über die Kontrollgesellschaften«, in: (ders.), Unterhandlungen: 1972-1990, übers. v. Gustav Roßler, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1993.
Philip K. Dick (1966): »Erinnerungen en gros«, übersetzt von Thomas Mohr, in: (ders.), Der unmögliche Planet: Stories, München: Heyne, 2002.
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Max Horkheimer/Theodor W. Adorno (1947): »Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente«, in: Theodor W. Adorno, Gesammelte Schriften, Rolf Tiedemann (Hg.), Bd. 3, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1981.
Franz Kafka (1925): Der Proceß, Stuttgart: Reclam, 2003.
Gabriel Kuhn (2005): Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden: Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus, Münster: Unrast.
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Peter Tepe (1992): Postmoderne/Poststrukturalismus, Wien: Passagen.
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Wolfgang Welsch (1990): Unsere postmoderne Moderne, Berlin: Akademie, 1993.
Peter V. Zima (2000): Theorie des Subjekts: Subjektivität und Identität zwischen Moderne und Postmoderne, Tübingen/Basel: A. Francke, 2007.